Verdrängung und Präsenz

Rechte Verlage auf der Buchmesse

Verlage der extremen Rechten hat es auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig immer gegeben. Verändert aber hat sich deren Auftreten und ihre Wahrnehmung. An die Stelle der alleinigen Präsentation von Büchern und Autor*innen ist das Unterfangen getreten, gezielt die Anhängerschaft zu mobilisieren und die eigenen Veranstaltungen als politische Bühne  zu nutzen. Dabei kommt es zu Formen der Raumnahme, die weit über herkömmliche Lesungen hinausgehen. In diesen Agieren spiegeln sich in gewisser Weise jene rechtsextremen Raumgreifungsstrategien der extremen Rechten, wie wir sie seit 2015 erleben: Ihre Protagonist*innen begehren Zugang zu Orten des gesellschaftlichen Diskurses, und dieser Zugang wird mit Verweis auf Meinungsfreiheit und das Recht auf Repräsentation gewährt.

Anhand der Ereignisse und Debatten um die Buchmessen seit 2017 lässt sich verfolgen, wie neurechte Akteur*innen alle Register ziehen, um von der exemplarischen Öffentlichkeit der Messen zu profitieren. Ob ihre Gegner*innen gezielt ihre Anwesenheit thematisieren oder ob auf die gezielte De-Thematisierung rechter Verlage gesetzt: Sowohl Protest und Provokation als auch Normalisierung: Rechte Akteure wissen die Buchmessen als Bühne zu nutzen und öffentlich Wirkung zu erzielen.

Kann also, wer ein Interesse daran hat, die Reichweite rechter Diskursinterventionen zu begrenzen, nichts tun, wovon die extreme Rechte am Ende nicht profitiert?

Der Schlüssel zum Erfolg der neurechten Selbstthematisierung besteht im beständigen Wechsel der Strategie unter Beibehaltung einer Grundkonstanten: Der extremen Rechten geht es immer um die Selbstinszenierung als unverzichtbarer, zu Unrecht unter Extremismusverdacht stehender Teil des geistigen Lebens in Deutschland. Ist sie wie selbstverständlich und unhinterfragt Teil der öffentlichen Debatten, fühlt sie sich darin bestätigt und erscheint als legitime Erweiterung des gesellschaftlichen Diskurses. Bleibt der extremen Rechten jedoch eine öffentliche Plattform verwehrt, setzt sie sich als Opfer einer angeblichen Meinungsdiktatur in Szene, die ihre Gegner*innen mit dem Ziel verfolge, sie mundtot zu machen. Diese moralisch aufgeladene Argumentation kann sich der Aufmerksamkeit einer kulturellen und medialen Öffentlichkeit deshalb sicher sein, weil die Realität solcher Zustände in Deutschland zeitlich nur einige Jahrzehnte zurückliegt, und es – zu Recht – eine entsprechend hohe Sensibilität dafür gibt. Doch das rechtsintellektuelle Milieu kommt zu Unrecht im Gewand des verfolgten Dissidenz daher.

Für die Buchmesse konkret hieße das, rechten Verlagen zwar nicht generell den Zugang zur Messe zu verwehren, sich aber jedoch stärker mit ihren Inhalten, strategischen Intentionen und argumentativen Vorgehensweisen auf einer Ebene der Information und des wissenschaftlichen Kontextes auseinanderzusetzen. Eine inhaltliche Einordnung des Buchprogramms des rechten „Jungeuropa Verlags“ aber blieb in der Öffentlichkeit vage, obwohl es möglich gewesen wäre, das faschistische Oeuvre des Verlags zu benennen und zu kontextualisieren.

„Jungeuropa“ ist Teil jenes Netzwerkes, welches seit Jahren die gesellschaftliche Repräsentation rechtsextremer Inhalte in der Gesellschaft forciert. Strategisch wird dies unter dem Label „Metapolitik“ vorangetrieben. Mit allen zur Verfügung stehenden (diskursiven) Mitteln und zielgruppenspezifischen Ansprachen wollen die Akteur*innen dieses Netzwerks ihre Inhalte als Teil des demokratischen Meinungsspektrums normalisieren. Dass sich das Milieu hierzu der Instrumente der Verstellung sowie der absichtsvollen Andeutung ihrer Ziele und Inhalte bedient, ist im Kontext der Buchmesse kaum analysiert, geschweige denn verstanden sowie offensiv benannt und zurückgewiesen worden.

In einem Podcast bilanzieren die Protagonist*innen des „Jungeuropa Verlags“ ihre Präsenz auf der Buchmesse dann auch erwartungsgemäß als durchschlagenden Erfolg. Wichtiger jedoch, als das selbstreferenzielle Gespräch über den eigenen PR Erfolg ist die verächtliche Tonlage, in der über politische und weltanschauliche Gegner*innen gesprochen wird. Spekuliert wird über eine erneute Teilnahme an der Buchmesse in Leipzig im März 2022 mit der klaren Absicht, eine Reaktion ihrer Gegner*innen zu provozieren, die sie im Anschluss wiederum für sich zu nutzen trachten.

Dieses Wechselspiel zwischen Provokation und des kalkulierten Tabubruchs oder nur dessen Andeutung, soll die Gegner*innen des rechtsintellektuellen Milieus in der Auseinandersetzung mit ihnen an deren Vorgaben binden. Umso wichtiger ist es, nicht jede Einlassung extrem rechter Protagonisten zum Gegenstand öffentlicher Skandalisierung zu machen, sondern eine eigene Agenda der Auseinandersetzung mit dem Milieu zu verfolgen. Rechte Raumnahmen wie auf der Buchmesse sind nicht mit deren Normalisierung unter dem Label der Meinungsfreiheit zu beantworten, sondern nur mit geduldiger inhaltlicher Benennung und Kontextualisierung all dessen, was Akteur*innen der extremen Rechten unternehmen, um ihren gesellschaftlichen Resonanzraum zu erweitern. Dies erfordert, die eigenen Begriffe in ihrer Anwendung ernst zu nehmen, und nicht inflationär zu verwenden.  Den „Jungeuropa Verlag“ faschistisch zu nennen, ist keine Polemik. Es entspricht dem Faktum, dass dort faschistische Literatur mit dem Ziel publiziert wird, an diese Traditionen anzuknüpfen.

Die strategische Wortergreifung neurechter Akteur*innen wird man nicht verhindern können. Doch niemand ist verpflichtet, ihnen eine über Gebühr hohe Resonanz zu verschaffen, in dem die Inszenierungen als Parias des Kulturbetriebs mit Aufmerksamkeit im Feuilleton belohnt werden. Hingegen ist es notwendig, gezielte Versuche der (rhetorischen) Grenzüberschreitung rechter Verlage auf der Buchmesse – wie auch in diesem Jahr zu beobachten – wahrzunehmen und zurückzuweisen. Indirekte,  als ironisch etikettierte Gewaltaufrufe müssen als das gelesen und verstanden werden, was sie sind: sowohl Botschaft an die rechte Anhängerschaft, den „Scherz“ in die Tat umzusetzen, wenn die Zeit dafür ist, als auch Botschaft an die (potentiell) Betroffenen, sich in der Öffentlichkeit nicht auf ihre Sicherheit verlassen zu können. Letzterem muss im Sinne einer Gewährleistung sicherer Räume begegnet werden. Dass dieser Zusammenhang zwischen der Ästhetisierung rechter Gewalt und ihrer Ausübung nicht gesehen wird, ist fatal.

David Begrich/Pascal Begrich