Hoyerswerda 1991: Urszenen rechter Gewalt in Ostdeutschland

Vom 17. Bis 23. September 1991 belagerten Anwohner*innen und Neonazis die Wohnblocks ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter*innen und Asylbewerber*innen in Hoyerswerda. Die Woche rassistischer Angriffe endete mit der Evakuierung der Migrant*innen aus der Stadt. Die damaligen Ereignisse wirken bis heute nach.

Die im Internet abrufbaren Originalaufnahmen der Septembertage in Hoyerswerda vor 30 Jahren sind farbstichig und manchmal von schlechter Tonqualität. Sie zeigen militante Neonazis, die gemeinsam mit Anwohner*innen und Bürger*innen der Stadt jene Wohnblocks angreifen, in denen vormalige DDR-Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam und Asylbewerber*innen untergebracht waren. Über eine Woche lag brechen sich Gewalt und rassistischer Hass ungezügelt bahn. Die Polizei agiert unkoordiniert, kopflos, ist schlecht ausgerüstet und ohne den Willen, der Gewalt Einhalt zu gebieten.

Hoyerswerda war in der DDR nicht irgendeine Stadt. Hoyerswerda war ein Symbol des Aufbruchs in die sozialistische Moderne der 1960er Jahre. Die Stadt war geplant als Ort, an dem die „sozialistische Menschengemeinschaft“ (Walter Ulbricht) ihren ersten Vorschein nehmen sollte. Brigitte Reimann und Siegfried Pietschmann lebten hier zeitweise und versuchten literarisch das Spannungsfeld zwischen Utopie und Alltag im Sozialismus auszuloten. Reimanns Roman, „Franziska Linkerhand“, in dem es zentral um den Städtebau in der DDR, in Hoyerswerda geht, ist bis heute lesenswert. Auch das Leben und Wirken des zur Legende gewordenen Sängers Gerhard Gundermann kreiste um Hoyerswerda – Andreas Dresen hat jüngst in seiner filmischen Biographie daran erinnert.

Nach dem Ende der DDR verlor Hoyerswerda schnell an Arbeitsplätzen und Einwohner*innen. Wie überall in den Plattenbaustädten der DDR setze eine soziale Segregation ein. Wer es sich leisten konnte oder keine Alternative sah, zog weg. Geblieben waren die von der DDR angeworbenen Vertragsarbeiter*innen. Sie gehörten nach der Wiedervereinigung zu den ersten, die ihre Arbeit in den vermeintlich oder tatsächlich unrentablen Betrieben der Region verloren. Zugleich trat der in der DDR subkutan vorhandene Alltagsrassismus nun offen und aggressiv zu Tage.

Sicher, rechte und rassistische Gewalt in Ostdeutschland gab es bereits lange vor den Septembertagen 1991. Die Woche der rassistischen Gewaltexzesse in Hoyerswerda stellte jedoch eine neue Qualität dar. Hier bildete sich ein Muster rassistischer Mobilisierung, das in den nachfolgenden Jahrzehnten – und letztlich bis heute – politisch wirkungsmächtig ist: Militante Neonazis agierten gemeinsam mit „normalen“ Bürger*innen. Der lokal ausgeübte und rassistisch motivierte politische Druck, die offene Billigung der Gewalt unter den Augen der Polizei und im Angesicht von Fernsehkameras, die Unterstützung und Beteiligung von Anwohner*innen an den Angriffen – all das war es, was die Woche rassistischer Gewalt in Hoyerswerda zum Exempel rechter Massengewalt der 1990er Jahre machte. Dieses Muster sollte sich in Rostock-Lichtenhagen 1992, aber auch in Mannheim-Schönau 1992, wiederholen, ebenso wie in Heidenau 2015.

Ohne diese Urszenen rechter Gewalt von Hoyerswerda 1991 und die blutige Serie rassistischer Angriffe der 1990er Jahre wären die „Nein zum Heim“-Kampagnen von NPD und Neonazis der Jahre 2013/14 und die Entstehung von PEGIDA nicht denkbar. Eine ganze Generation rechter Jugendlicher und Neonazis wurde nach Hoyerswerda in der Erfahrung sozialisiert, dass die Ausübung rechter Gewalt ohne gesellschaftliche Ächtung bleibt. Die Kinder der Täter*innen und Zuschauer*innen von damals sind heute jene, die den rechten Hegemonieansprüchen im Osten Stimme verleihen.

30 Jahre nach den rechten Gewaltexzessen von Hoyerswerda braucht es endlich eine öffentliche Aufarbeitung dessen, was in den sozialen Netzwerken unter dem Begriff „Baseballschlägerjahre“ diskutiert wurde: die rechte und rassistische Gewalt in Ostdeutschland seit 1990.