Der 16. Januar in Magdeburg und die Krise des Neonazismus

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Magdeburg erinnert jährlich am 16. Januar an die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Auch die extreme Rechte nutzt regelmäßig den Jahrestag für ihre revisionistischen Zwecke: Ob Mahnwache, Plakataktion oder „Trauermarsch“ – Neonazis verklären die Opfer der Bombardierung zu Märtyrern und inszenieren ein Totengedenken im Sinne des Nationalsozialismus. In diesem Jahr 2023 jedoch wird es wohl keine neonazistische Großdemonstration in Magdeburg geben.

Der Verzicht auf einen größeren „Trauermarsch“ hat seine Ursache in der fortgesetzten Krise des organisierten Neonazismus in Gestalt von Parteien wie der NPD, der „Neue Stärke Partei“ und des „Dritten Wegs“. Sie alle haben in den zurückliegenden Jahren an Resonanz im Milieu der extremen Rechten verloren, auch wenn der „Dritte Weg“ durchaus über eine regionale Organisierung verfügt. Ausschlaggebend für das Ende der neonazistischen Großmobilisierung zum Gedenken an den 16. Januar ist der Zerfall der politischen Struktur, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten das rechtsextreme Event in verschiedenen Formen organisiert und durchgeführt hatte.

Die „Initiative ehrenvolles Gedenken“ wurde ursprünglich von der Kameradschaft „Festungsstadt Magdeburg“ und der NPD getragen. Diese verfügten über politische und organisatorische Kontakte in die bundesweite Neonazi-Szene, was eine breite Mobilisierung auch im Hinblick auf das zeitliche Vorfeld des jährlichen Neonazi-Aufzugs in Dresden ermöglichte. Nicht zuletzt der Wegfall von Zeitzeug*innen der NS-Tätergeneration, die in Magdeburg auftraten, um durch ihre persönliche Zeugenschaft das neonazistische Geschichtsbild zu beglaubigen, hat die Attraktivität der Demonstrationen für die Szene erheblich gemindert. Die Stagnation bzw. der Wegfall einer spezifisch rechtsextremen Jugendkultur, aus der heraus sich der Neonazismus generationell reproduzieren konnte, ist eine weitere Ursache für die eklatante Mobilisierungsschwäche für rechte Szene-Events. Für dieses Jahr ist daher eher mit kleinen und symbolischen Aktionen aus der regionalen Neonazi-Szene der Region zu rechnen, die in Social-Media-Formaten als Videoclips Verbreitung finden werden.

Ein zeitgeschichtlich bedingter partieller Bedeutungsverlust des neonazistischen Geschichtsrevisionismus in seinen klassischen Ausprägungen ist also evident. Allerdings kehren geschichtsrevisionistische Deutungen des Nationalsozialismus, die ihre Quelle auch im Neonazismus haben, nun in anderen extrem rechten Milieus offen und mit großer Reichweite zu Tage, wie etwa die Relativierung der Shoa in der Querdenken-Szene zeigt. Und: Die Krise des Neonazismus ist nicht gleichzusetzen mit einer Krise der extremen Rechten. Es haben sich innerhalb derer lediglich die politischen Gewichte verschoben. Ein Großteil der Anhängerschaft und der politischen Resonanz, die zuvor durch den Neonazismus bedient wurden, findet sich nunmehr im politischen Vorfeld der AfD wieder, die sich in ihrem Geschichtsbild und ihrer Interpretation des Nationalsozialismus den Positionen des Neonazismus in den vergangenen Jahren rhetorisch und inhaltlich angenähert hat.

David Begrich/Pascal Begrich

Dieser Beitrag erschien bereits am 5. Januar 2023 auf der Homepage des Bündnis gegen Rechts Magdeburg.