An unsere Freundinnen und Freunde (in Westdeutschland)

Redebeitrag von Miteinander e. V. auf der #unteilbar-Demonstration am 13.10.2018 in Berlin

Liebe Freundinnen und Freunde,

Vor 29 Jahren übten die Menschen in der DDR hier auf dem Alexanderplatz in Berlin den aufrechten Gang in die Demokratie. Es war eine Zeit des Aufbruchs, der Mut brauchte.  Mut, sich für Demokratie einzusetzen, braucht es auch heute wieder. Was ihr in den letzten Wochen und Monaten aus Chemnitz und Köthen gehört habt, stimmt ja. Es gibt im Osten mehr rechte und rassistische Angriffe als im Westen. Es gibt eine höhere Zustimmung zu rechten und rassistischen Einstellungen. Es stimmt, die AfD hat hier Wahlergebnisse um die 20 Prozent. All das stimmt.

Und doch ist es nur die eine Hälfte der Wahrheit. Denn in all diesen Orten – in Chemnitz, in Köthen, in Clausnitz, in Freital und Heidenau, in Schwerin und in Velten, in Oranienburg und in Rostock – gibt es Menschen, die nicht den Rechten und Rassisten folgen. Auch dort gibt es Menschen, die sich solidarisch verhalten. Aber sie werden in der Gesellschaft kaum wahrgenommen. Sie werden kaum wahrgenommen, weil seit mehr als zwei Jahren die gesamte Aufmerksamkeit der Partei der Angstmacher gilt. Das müssen wir ändern!

Liebe westdeutsche Freundinnen und Freunde!  Macht Euch nichts vor. Die Schauplätze rassistischer Gewalt sind nicht so weit weg von euch, wie ihr vielleicht glaubt. Nicht so weit weg von den großen Städten. Schaut nach Dortmund. Schaut nach Neukölln. All das, was ihr im Osten verortet, findet auch in Eurer Umgebung statt. Habt ihr den Mut, Euch damit zu konfrontieren?

Macht Euch nichts vor. Das, was der rechte Block in der Gesellschaft gerade in Ostdeutschland versucht, bereitet er auch für den Westen vor. Wartet nicht, bis in Eurer Stadt Menschen, die sich engagieren, angegriffen, von Rechten an den Pranger gestellt oder als linksextrem und gewaltbereit denunziert  werden. Wartet nicht, bis aus Parlamenten und von der Straße gegen sexuelle Vielfalt, gegen soziokulturelle Arbeit oder ein Kunstwerk so lange gehetzt wird, bis sich die Akteure aus der Öffentlichkeit zurückziehen müssen. Wartet nicht, bis in eurem Bundesland dazu aufgefordert wird, Lehrer zu melden und zu denunzieren. Wartet nicht, bis Abgeordnete der Partei der Angstmacher fordern, auf den Spielplänen der Theater und Orchester habe zwar Beethoven, aber nicht Schönberg zu stehen. Wartet nicht, bis eine laute Minderheit beginnt, sich Mehrheiten unter denen zu erobern, die aus Angst, Vorurteilen und Hass dieser Partei und ihren Anhängern nachlaufen.

Jetzt ist die Zeit, gezielt Menschen und Initiativen zu unterstützen, die sich täglich dem rechten Irrsinn entgegenstellen. Jetzt ist die Zeit, sich in Hamburg und Köln zu fragen, was können wir für die Menschen tun, die unter prekären Bedingungen in ostdeutschen Kleinstädten und ländlichen Regionen für Demokratie streiten?

Jetzt ist die Zeit da, zu handeln. Jetzt.

Vielen Dank.